NSU-Komplex
Der rechte Terror des NSU, seine ausgebliebene Aufklärung und das Gedenken an die Opfer: Forschung, Texte und Erinnerungsarbeit.

Der Nationalsozialistische Untergrund ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen und verübte drei Sprengstoffanschläge, zwei davon in Köln: Am 19. Januar 2001 explodierte in der Probsteigasse eine Bombe im Geschäft einer iranischstämmigen Familie, am 9. Juni 2004 verletzte eine Nagelbombe in der Keupstraße 22 Menschen, vier von ihnen schwer. Die Ermittlungen richteten sich jahrelang gegen die Betroffenen selbst. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 galten die Anschläge als das, was sie waren: rassistischer Terror.
Çağan Varol arbeitet seit 2011 zum NSU-Komplex: zu den Kontinuitäten der Nicht-Aufklärung und ihren gesellschaftlichen Folgen, zum Umgang von Polizei und Medien mit den Betroffenen und zu der Frage, wie die Opfer rechter Gewalt ins gesellschaftliche Gedächtnis gelangen. Von 2015 bis 2017 verfolgte und protokollierte er die Sitzungen des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag Nordrhein-Westfalen. 2023 wirkte er in Göttingen an der Expertise für ein bundesweites NSU-Dokumentationszentrum mit, zuständig unter anderem dafür, die Perspektiven der Betroffenen einzubringen.
Im Mittelpunkt steht das Gedenken: die Birlikte-Veranstaltungen in der Keupstraße, das seit Jahren geplante und bis heute nicht realisierte Mahnmal an der Keupstraße und das geplante Dokumentationszentrum. In Texten und Vorträgen fragt er, wie unternehmerische Stadtpolitik und Festivalisierung ein aktivistisches Gedenken entpolitisieren können – und wer dabei an den Rand gedrängt wird.
Orte des Gedenkens
Drei der Orte, an denen an die Opfer des NSU erinnert wird: in Köln, Dortmund und Hamburg.

Köln, Probsteigasse: Gedenkstele der Stadt für den Anschlag vom 19. Januar 2001. Ihr Text hält fest, dass die Polizei „vornehmlich im Umfeld der Betroffenen“ ermittelte und die Opfer so „in der öffentlichen Wahrnehmung zu Tätern“ wurden. 
Dortmund, Mehmet-Kubaşık-Platz: Das Schild erklärt auf Deutsch und Türkisch, wer Mehmet Kubaşık war. 
Hamburg-Bahrenfeld: Gedenkort für Süleyman Taşköprü, am 27. Juni 2001 in seinem Laden ermordet. Die Tafel nennt alle zehn Mordopfer des NSU.
Erinnerungsarbeit & Beobachtung
Beobachter des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag Nordrhein-Westfalen
Landtag Nordrhein-Westfalen, NSU-Untersuchungsausschuss
Verfolgte und protokollierte nach eigenen Angaben (Interview, Oktober 2021) die Sitzungen des Ausschusses von 2015 bis 2017 als Einzelperson.
Publikationen
Alle PublikationenRassifizierte Topographien. Über die Problematisierung von Migration im städtischen Raum
transcript Verlag, im Erscheinen.
„Diese Menschen waren ein Teil von uns“. Erinnern an Opfer rechter Gewalt, rassistische Migrationspolitik und symbolische Gewalt
In: Symbolische Ordnung und Rassismuskritik (Springer VS). Mit Gabriele Fischer und Ali Şirin.
Das Problem mit der Staatsräson. Kontinuitäten der Nicht-Aufklärung im NSU-Komplex und deren gesellschaftliche Folgen
In: Erinnern heißt Kämpfen. Kein Schlussstrich unter unsere Stimmen (Unrast).
»Ignoranz ist das andere Gesicht des Rassismus«. Gespräch mit Muhammet Ayazgün vom 14.12.2023
In: Erinnern heißt Kämpfen. Kein Schlussstrich unter unsere Stimmen (Unrast).
Dokumentationszentrum für die Opfer rassistischer Gewalt 1999–2007ff. Bundesweite Bestandsaufnahme von Aufarbeitungsaktivitäten und Einbindung von Betroffenenperspektiven (Teilbericht A, B, C)
Georg-August-Universität Göttingen. Mit Sabine Hess, Lee Hielscher, Yasmin Dreessen und Jelka Günther. Mitarbeit: Andrea Horni.
Deutschland 2016: Kultureller Rassismus ist jetzt Mainstream. Zum mangelnden Interesse am NSU-Komplex
In: Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus (PapyRossa).
Texte
Alle TexteDie Steinmeier-Show (extern)
Kritik an der Birlikte-Veranstaltung 2024 zum 20. Jahrestag des NSU-Nagelbombenanschlags in Köln: Politiker:innen inszenierten Solidarität, während Überlebende an den Rand gedrängt wurden.
Keinen Dank, sondern Respekt! (extern)
Rezension von Kutlu Yurtsevens und Rossi Penninos Geschichte der Kölner Hip-Hop-Gruppe Microphone Mafia, einschließlich ihrer antifaschistischen Arbeit und ihrer Reaktion auf die NSU-Anschläge.
Zum mangelnden Interesse am NSU-Komplex: Deutschland 2016: Kultureller Rassismus ist jetzt Mainstream (extern)
Nachdruck seines Beitrags von 2016 aus dem PapyRossa-Sammelband über kulturellen Rassismus und das mangelnde Interesse am NSU-Komplex.
Vorträge & Medien
Alle Vorträge und MedienbeiträgeUmkämpftes Erinnern in der postmigrantischen Gesellschaft (extern)
Tagungsbericht von Alia Herz-Jakoby, der Varols Vortrag darüber zusammenfasst, wie unternehmerisches Stadtmarketing das aktivistische Gedenken an den NSU-Nagelbombenanschlag von 2004 in der Keupstraße entpolitisieren kann.
Erinnerung an die Opfer des Nagelbombenanschlags auf der Keupstraße – Zwischen unternehmerischen Stadtpolitiken und der Entpolitisierung von aktivistischen Praxen (extern)
Vortrag in Panel 2, „Gedenken im öffentlichen Raum als Praxis der Problematisierung“, auf der Tagung der DGS-Sektionen „Soziale Probleme und soziale Kontrolle“ sowie „Migration und ethnische Minderheiten“.
„Man hat rein gar nichts gelernt“ (extern)
Interview von Johanna Bröse in der Ausgabe „NSU – Zehn Jahre nach der Selbstenttarnung“ über den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße, den Umgang von Polizei und Medien mit den Opfern, die NSU-Tribunale, die Initiative Herkesin Meydanı und institutionellen Rassismus.
Solidarität muss Praxis werden (extern)
Gast einer Open-Air-Diskussion zum Auftakt der Kampagne „Die Bürokratie des Bösen – Niemand muss Ausländerbehörde sein!“ über den NSU, Neonazis in Polizei und Verfassungsschutz, Halle, Hanau und Antworten auf Rassismus.